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Bald ist wieder Fasching. Doch wie verkleidet man sich am besten?

Die Mumie

Ich fühle mich irgendwie befreit, ein wenig wenigstens. Ich muß anfangen, von vorne zu erzählen.

Letzten Sommer habe ich Eusebia kennengelernt. Sie arbeitet als Ärztin in den städtischen Kliniken. Eusebia ist zwar nicht unbedingt ein Name, der heutzutage modern klingt – aber Eusebia ist eine unheimlich liebe Frau.

Wir haben in den ersten Monaten unserer Bekanntschaft viele schöne Stunden miteinander verbracht, ohne daß der sexuelle Aspekt im Vordergrund gestanden hat. Noch heute haben wir getrennte Wohnungen, obwohl wir schon seit einiger Zeit ein Paar sind. Eusebia ist ganz einfach eine liebe und natürliche Frau, die zwar ihre Ziele hat, aber dennoch gerne in den Tag hinein lebt. Sie scheint von ihrer Mutter oder Großmutter das Stricken gelernt zu haben, denn ich habe bisher noch keine 30-jährige Frau kennengelernt, die des Strickens mächtig war. Sie erzählte mir jedenfalls, daß sie alle Pullover, die sie trägt, selbst gestrickt hat. Ich war erstaunt.

Ich möchte nicht behaupten, daß Eusebia eine Wollfetischistin ist. Sie scheint es ganz einfach nur zu lieben, Wollkleidung zu tragen. Selbst im Sommer trägt sie ganz dünne Wollpullover. Nicht, daß mich das stören würde – jeder Mensch kann schließlich das anziehen, was er will. Ich persönlich trage jedenfalls lieber Hemden oder Sweatshirts anstatt Wollpullovern.

An Fasching wollten wir gemeinsam auf den Ball am Samstagabend gehen. Wir machten uns Gedanken über unsere Verkleidung, konnten uns aber irgendwie nicht recht einigen. Zwei Wochen vor Fasching sagte Eusebia zu mir, sie hätte da so eine Idee. Ich sollte mich ganz einfach überraschen lassen. Das war mir auch recht. So mußte ich mir wenigstens keine Gedanken mehr um das Kostüm machen.

Letzten Freitag Morgen fragte ich sie dann doch mal, ob denn mit meinem Kostüm alles in Ordnung sei. "Mach Dir keine Sorgen, es ist alles vorbereitet. Komm am besten morgen Nachmittag gegen 17.30 Uhr zu mir. Dann haben wir noch genügend Zeit, uns zu verkleiden. Und noch was. Nimm bitte heute und morgen nur leichte Nahrung zu Dir“, antwortete sie.

So fuhr ich vergangenen Samstag zu Eusebia. Ich nahm den Aufzug, denn ich hatte keine Lust sieben Stockwerke hoch zu laufen. Ich klingelte an der Tür. Als mir geöffnet wurde, mußte ich mich entschuldigen: „Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich anscheinend im Stockwerk geirrt“, sagte ich. „Aber NEIN doch. Komm rein. Die Überraschung scheint mir gelungen zu sein“, bekam ich als Antwort. Eusebia hatte sich als ägyptische Königin verkleidet. Das Kostüm war wirklich so gut, daß ich sie auf den ersten Blick nicht erkannt hatte. Und dabei trug sie noch nicht einmal eine Maske, sondern war lediglich gut geschminkt.

„Und als was soll ich gehen. Etwa als Ägypterkönig?“ fragte ich. „Warum nicht?“ antwortete Eusebia. „Aber als ein ganz besonderer Ägypterkönig“, fügte sie hinzu. „Ich möchte gerne eine richtige Mumie aus Dir machen. Bist Du einverstanden?“ „Wie soll denn das gehen?“ fragte ich. „Willst Du mich vielleicht einbalsamieren und dann in eine Kiste legen?“ „Nein. Ganz so schlimm wird es nicht werden. Bist Du damit einverstanden – ohne Wenn und Aber?“ fragte mich Eusebia. „Nun gut. Du hast Dich sehr schön verkleidet, dann wirst Du auch die richtige Idee für meine Verkleidung haben“, willigte ich ein.

„Dann komm bitte mit ins Schlafzimmer. Ich habe schon einiges vorbereitet.“ Ich folgte Eusebia in ihr Schlafzimmer. Auf dem Bett standen zwei Kisten voller elastischer Binden. „Die habe ich mir im Krankenhaus ausgeliehen“, klärte mich Eusebia auf. „Willst Du mich mit all diesen Binden einwickeln?“ fragte ich. „Das kannst Du doch nicht machen. Was ist, wenn ich zur Toilette muß?“ gab ich zu bedenken. „Mach Dir keine Sorgen. Auch daran habe ich gedacht. Ich selbst war vor fünf und vor drei Jahren an Fasching als Mumie unterwegs. Es hat riesigen Spaß gemacht. Aus dieser Erfahrung weiß ich auch, was ich bei Deiner Mummifizierung gegenüber meiner damaligen noch verbessern kann. Bist Du einverstanden?“

„O.k. Was soll ich machen?“ antwortete ich. „Geh als allererstes noch mal zur Toilette und zieh dann bitte Deine Kleider aus“, bat mich Eusebia. Ich tat wir mir gesagt. Als ich dann in T-Shirt und Unterhose vor ihr stand, meinte sie, das sollte ich auch besser noch ausziehen. Sie hätte geeignetere Kleider für mich. Als ich nackt war, sollte ich mich auf das Bett legen. „Erschreck bitte nicht. Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme“, sagte Eusebia, als sie mit einer riesigen Windel ankam. "Die habe ich auch aus dem Krankenhaus mitgebracht. Die sind heutzutage ganz toll. Man kann sie in der Regel unheimlich lange tragen, so lange man kein großes Geschäft muß.“ „Das habe ich für heute erledigt und gegessen habe ich heute auch noch nicht viel“, antwortete ich. „Sehr schön“, sagte sie und zog mir die Windel an. Sie paßte wie angegossen. Ich sah zwar sehr lustig aus, aber was macht man nicht alles für eine tolle Faschingsverkleidung?

Danach reichte mir Eusebia eine wollweiße Strumpfhose aus dicker Angorawolle und einen ebensolchen Rollkragenpullover. „Zieh die Sachen bitte an. Das ist das, was ich vorhin gemeint habe, als ich von Erfahrung sprach. Als ich das erste Mal als Mumie unterwegs war, habe ich mich direkt auf der Haut einwickeln lassen. Zum einen habe ich damals kalt gehabt und zum anderen haben die elastischen Binden Spuren auf meiner Haut hinterlassen. Das muß ja nicht unbedingt sein.“

Ich zog die Strumpfhose und den Pullover an. Für mich war es überhaupt das erste Mal in meinem Leben, daß ich eine Strumpfhose trug und dann auch gleich noch eine aus dicker Angorawolle. Auch hatte ich noch nie einen Angorapullover getragen. Ich muß sagen, daß das Gefühl auf der Haut nicht unangenehm war. Eusebia ging an ihren Schrank und kramte darin herum. Sie brachte mit noch zwei enge, dicke Wollhosen und eine weitere Angorastumpfhose. „Soll ich das auch noch alles anziehen?“ fragte ich unglaubwürdig. „Ich, daß Du nicht kalt bekommst“, antwortete sie. „Aber dafür muß ich doch keine vier langen Wollhosen anziehen“, warf ich ein. „Glaub mir. Es ist auch bequemer, wenn Du unter den elastischen Binden gut gepolstert bist. Ich spreche aus Erfahrung!“ gab Eusebia zur Antwort.

Ich zog die langen Wollhosen und die zweite Angorastrumpfhose an. Eusebia war mittlerweile wieder dabei, in ihren Kleiderschrank zu kramen. Als sie mit einem Stapel selbstgestrickter Pullover zurückkam, protestierte ich wieder: "Ich glaube wirklich, jetzt übertreibst Du maßlos. Das sind doch alles Frauenpullover.“ „Vertraue mir doch ganz einfach. Ich will doch nur Dein Bestes. Und außerdem wird die Pullover später niemand mehr sehen.“ Nach und nach zog ich einen roten, dicken, flauschigen Mohairpullover mit Rundhalsausschnitt, einen grauen Rollkragenpullover aus Angorawolle und noch einen gemusterten Mohairpullover mit Rundhalsausschnitt an.

„So. Das sieht doch schon ganz passabel aus. Ich bin fast zufrieden mit dem Unterbau. Ich denke, ich gebe Dir noch einen meiner selbstgefertigten Winterschlafanzüge, damit nichts verrutscht. Sie ging an den Schrank und kam mit einem Teil zurück, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Eusebia hielt mir einen Wolloverall hin, der an der Frontpartie mit einem Reißverschluß versehen war. Das war aber nicht das Erstaunliche. Vielmehr war es die Tatsache, daß er angearbeitete Fußlinge, Fingerhandschuhe und selbst eine Haube hatte, die nur das Gesicht frei ließ. Da ich wußte, daß ein Protest nichts bringen würde, schlüpfte ich in das Teil und zog die Haube auf. Eusebia half mit beim Schließen des Reißverschlusses.

Da der Overall nicht unbedingt für meine Größe geschaffen war, fühlte ich mich einigermaßen eingeengt. Es war aber noch lange nicht so schlimm, daß es unangenehm gewesen wäre. „Das hätten wir erst einmal geschafft“, sagte Eusebia und reichte mir noch ein Paar Hüttenschuhe mit Gummisohle, die ich auch sogleich anzog.

Dann bat mich Eusebia, mich auf den Hocker zu setzen, der mitten im Zimmer stand. Kaum hatte ich mich hingesetzt, kam Eusebia auch schon mit der ersten Kiste elastischer Binden an. Zunächst bandagierte sie meine beiden Arme vom Handgelenk bis zur Schulter. Sie hatte sehr viel Übung, obwohl Ärzte in der Regel im Verbandanlegen gar nicht so gut sind. Dann waren meine Beine dran, an den Fußgelenken angefangen bis in den Schritt. Ich mußte einige Runden im Zimmer umherlaufen, um mich an das Gefühl zu gewöhnen. Es klappte aber ganz vorzüglich. Nachdem Eusebia mit ihrem Werk an meinen Armen und Beinen zufrieden war, war mein Torso dran. Es dauerte schon eine ganze Weile, bis man nichts mehr von meinem dem eigenartigen Winterschlafanzug sehen konnte. Schicht um Schicht trug sie die elastischen Binden auf mich auf. „Na? Wie fühlst Du Dich bis jetzt?“ fragte sie neugierig. „Eigentlich noch ganz gut. Keine Beschwerden“, antwortete ich. „Dann kann ich ja weitermachen, wenn alles in Ordnung ist“, sagte Eusebia. „Wie? Weitermachen?“ fragte ich erstaunt. „Ich bin noch lange nicht fertig mit Dir“, gab sie zur Antwort. „Schließlich muß die Verkleidung so perfekt sein, daß wir den ersten Maskenpreis gewinnen. Dafür gibt es immerhin 777.- Mark.“ „Also gut. Ich laß Dich ganz einfach machen und verspreche Dir, keine Zwischenfragen mehr zu stellen.“

Eusebia ging an eine Schublade und holte einige Wollhandschuhe heraus, die sie mir nach und nach anzog. Ich wollte schon wieder protestieren, als mir einfiel, daß ich das unterlassen wollte. Nachdem ich insgesamt vier noch Paar Handschuhe anbekommen hatte, umwickelte sie auch meine Hände mit elastischen Binden. „Und wenn ich was trinken will oder so“, warf ich ein. „Dann helfe ich Dir natürlich!“ bekam ich zur Antwort.

„Und jetzt erschreck bitte nicht“, sagte Eusebia als sie mit meinen Händen fertig war. Sie ging an ihren Notarztkoffer und holte eine steife Halskrause aus Kunststoff heraus. „Die muß ich Dir anlegen, damit ich auch Deinen Hals mit den elastischen Binden umwickeln kann. Wenn ich das nicht machen würde, würden die Binden Dir die Luft abstellen. Und das soll natürlich nicht passieren“, klärte sie mich auf. „Aber zuerst noch das“, sagte Eusebia. „Am Kopf kann der Druck der Binden nämlich am unangenehmsten sein.“ Mit fünf Wollmützen bewaffnet trat sie an mich heran und zog mir zwei davon über den Kopf. Die Mützen waren halslang und hatten lediglich Löcher für Augen und Mund.

Dann kam die Halskrause dran. Die Krause umschloß meinen Hals ganz fest und mein Kopf wurde in einer aufrechten Stellung fixiert. „Geht es Dir noch gut?“ fragte mich Eusebia. „Den Umständen entsprechend“, antwortete ich. „Es gibt Menschen, die tragen so eine Halskrause über Wochen oder sogar Monate. Da wirst Du das doch einen Abend lang aushalten.“ „Es wird schon gehen. Wenn nicht, kann ich es Dir ja sagen und Du kannst das Ding entfernen“, antwortete ich. „Daß Du mir das sagen kannst, glaube ich nicht. Zu Deiner Sicherheit muß ich nämlich noch eine letzte Maßnahme ergreifen, bevor ich Deinen Kopf umwickele“, bemerkte Eusebia. „Was für eine Maßnahme?“ fragte ich. „Vertrau mir ganz einfach und mach jetzt Deinen Mund ganz weit auf.“ Kaum hatte ich dem Mund aufgemacht, merkte ich, wie sie mir etwas aus Gummi hinein schob und sofort mit einem Riemen am Hinterkopf fixierte. „Das ist ein Gerät zum intubieren, das ich etwas umgebaut habe. Das hintere Teil fehlt, dafür hat es außen einen Schlauch. Damit ist gewährleistet, daß Du frei atmen und auch trinken kannst.“ Mir hatte es die nicht nur die Sprache verschlagen, sondern ich war quasi auch geknebelt.

Da ich keine Chance hatte, ohne Eusebias Hilfe aus meiner Mummifizierung herauszukommen, blieb mir nichts andere übrig, als sie gewähren zu lassen. Bevor sie damit begann, meinen Kopf mit den elastischen Binden zu umwickeln, zog sie mir vorsichtshalber noch die drei restlichen Wollmasken über meinen Kopf. Eine halbe Stunde später war ich vom Kopf bis zu den Füßen eingewickelt. Eusebia schien mit ihrem Werk zufrieden zu sein. Ich betrachtete mich im Spiegel. Sie hatte die Mummifizierung wirklich bestens hingebracht.
Da die Zeit mittlerweile fortgeschritten war, machten wir uns auch sogleich auf den Weg zum Maskenball. Über den Abend brauche ich nicht viel zu berichten, außer, daß mich Eusebia reichlich mit Getränken versorgt hat und daß wir wirklich den ersten Maskenpreis gewonnen haben. Der Aufwand hatte sich also gelohnt. Gegen zwei Uhr wurde es mir doch dann zu viel und ich wollte nach hause. Eusebia war einverstanden. Wir nahmen uns ein Taxi und ließen uns zu Eusebias Wohnung bringen.

Seit dem bin ich eine Mumie. Nur die Umwicklungen an meinen Händen hat sie entfernt, damit ich diese Zeilen schreiben kann. Eusebia macht keine Anstalten, mich aus meinem Gefängnis rauszulassen. Sie gibt mir regelmäßig zu trinken und ich bekomme auch Flüssignahrung, die nicht durch den Verdauungstrakt muß, verabreicht. Sie kümmert sich rührend um mich und gibt acht, daß mir nichts passiert. Sie meint auch ganz lapidar, daß sie sich nicht die viele Arbeit nur für einen Abend gemacht hätte. Ich würde es schon aushalten, bis Fasching vorüber ist. Es gäbe Menschen, die müßten monatelang im Gipsbett liegen. Da wäre ich doch noch gut dran. Recht hat sie. Ob sie mich am Dienstagabend befreien wird???
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