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       Das Frühstück

       Ich wußte nicht, wie lange ich geschlafen hatte. Ich hatte mein Zeitgefühl total verloren. Als ich die
       Augen öffnete, bemerkte ich sogleich, daß das Licht im Zimmer wieder brannte und daß sich die Wand
       gegenüber unseres Bettes wieder geöffnet hatte. Nur die hängenden Mitarbeiterinnen Angies waren
       verschwunden. Die runden Wolldecken lagen wieder auf dem Boden.

       Ich fühlte mich eigentlich ganz wohl und entspannt, obwohl ich jetzt gerne meine Arme ausgestreckt
       hätte und zu Nena ins Bett gekrochen wäre, wie ich das eigentlich Sonntags Morgens immer mache, um
       noch ein wenig mit ihr zu kuscheln. Daran war aber heute wohl nicht zu denken. Ich merkte auch wie
       sich Nena neben mir bewegte und wieder ein leises 'mmmmmmm' von sich gab.

       Plötzlich ging die Tür auf und unsere Gastgeberin kam mit Cora und Sheila herein. "Na, ihr alten
       Schlafmützen. Ihr wollt ja gar nicht mehr wach werden. Ihr scheint euch also in euren Schlafsäcken
       wohlzufühlen." begrüßte uns Angie. "Ich glaube, es wird Zeit für das Frühstück. Wißt ihr denn
       eigentlich, wieviel Uhr es schon ist?" Das war natürlich eine absolut sarkastische Frage.

       Ich war erstaunt. Nichts war mehr zu sehen von den Overalls an den Körpern der drei Frauen. Sie hatten
       sich umgezogen. Angie trug einen langen cremefarbenen Wollrock und einen passenden kuscheligen
       Angorapullover mit Rollkragen. Ihre Helferinnen waren im Partnerlook gekleidet. Sie trugen schwarze
       Strickleggings und Lopipullover, darunter schauten schwarze Rollkragen hervor. Auch ihre Köpfe waren
       nicht mehr unter einer Maske verborgen.

       "Wie ihr sehen könnt, haben wir uns schon umgezogen", fuhr Angie fort. "Jetzt wollen wir euch aber mal
       aus den Federn oder besser aus der Wolle holen. Die Zeit läuft uns weg." Sheila ging zu Nena, Cora kam
       zu mir. Sie zogen die Reißverschlüsse unserer wollenen Mumienschlafsäcke auf und befreiten uns
       daraus. Als nächsten wurden die Wollfesseln an unseren Beinen entfernt, so daß wir aufstehen konnten.
       Ich war ein bißchen wackelig auf den Beinen, aber nach kurzer Zeit ging es wieder.

       Cora und Sheila entknoteten die Ärmel unserer Wollzwangspullover und zogen sie uns aus. Ich ging auf
       Nena zu und wollte sie umarmen. Mit den Worten "Nicht zu stürmisch, mein Lieber", stellte sich Angie
       mir in den Weg. "Ihr werdet noch genügend Zeit haben, ganz eng beieinander zu sein." Bei diesen
       Worten bemerkte ich nicht den glänzenden Blick, den Angie in ihren Augen hatte.

       Die beiden Assistentinnen zogen uns die Kniestrümpfe aus, die über unsere Arme gezogen waren und
       entfernten die Seile an unseren Händen. Es war ein sehr schönes Gefühl, die Finger wieder bewegen zu
       können. "Den Rest könnt ihr ja jetzt alleine erledigen", sagte Angie. Ich zog zunächst meine
       Fausthandschuhe aus, denn es war zu schwierig, mit solch verpackten Händen etwas zu machen. Dann
       löste ich den Schal, der den Knebel in meinem Mund festhielt, zog den Mundreißverschluß auf und
       entfernte die Norwegersocke aus meinem Mund.

       Ein etwas taubes Gefühl hatte sich in meinem Mund breitgemacht. "Das wird sich nach kurzer Zeit
       wieder geben", beruhigte mich Angie. Ich zog die erste Schicht Kniestrümpfe, den ersten Pullover und
       die erste Legging aus. Nena war mittlerweile genauso weit. Als ich weitermachen wollte, rief Angie
       "Stop. Nicht zu viel ausziehen. Ihr bekommt ja sonst noch kalt". Also blieben wir so angezogen, wie wir
       waren. Die kratzigen Mohaircatsuits, die warmen Angoraoveralls, je einen Pullover und die Legging mit
       samt den Kniestrümpfen.

       "Na, wie fühlt ihr euch? Bestimmt wie neu geboren?" fragte uns unsere Gastgeberin. Irgendwie hatte sie
       schon recht. Ich fühlte mich wirklich fast wie neu geboren, nachdem einige Schichten Wolle und die
       Fesseln von mir weg waren. Nena antwortete ihr: "Ein klein wenig komisch ist mir schon zu Mute. Aber
       du hattest recht. Das komische Gefühl im Mund ist schon verschwunden." Dem konnte ich nur
       zustimmen.

       Angie sagte, daß wir jetzt hoch zum Frühstück gehen würden. So verließen wir unser Schlafzimmer und
       stiegen die Treppen empor. Jetzt merkte ich erst, wie furchtbar juckend und kratzend mein
       Mohairunderall mittlerweile war. Ich sprach Angie darauf an. Sie erklärte mir, daß wir in der Nacht
       bestimmt ganz schön geschwitzt hätten und daß durch die warme Feuchtigkeit unsere Haut sehr viel
       empfindlicher auf Reize reagieren würde. Wir würden aber noch früh genug wieder trocken werden.

       Im Eßzimmer angekommen bemerkte ich, daß der Frühstückstisch reichlich gedeckt war. Es fehlten
       allerdings die Speisen. "Ich denke, eine kleine Diät und Entschlackungskur schadet keinem Menschen",
       bemerkte Angie. "Ich habe hier verschiedene Fruchtsäfte, kalte Tees, Mineralwasser und Isotonische
       Getränke bereitstellen lassen. Setzt und bedient euch". Da wir wirklich durstig waren, nahmen wir das
       Angebot gerne an.

       Angie erkundigte sich nochmals nach unserem Wohlbefinden. Sie betonte nochmals, daß sie nichts
       gegen unseren Willen machen würde. Ich sagte Angie, daß ich heute Nacht, als das Licht ausging, doch
       einige Bedenken hatte, weil wir alleine in dem Schlafzimmer waren und uns niemand hätte helfen
       können, wenn wir partout aus den Schlafsäcken herausgewollt hätten.

       "Ich habe euch doch versprochen, daß ihr bei mir immer in sicheren Händen seid. Glaubt ihr mir denn
       nicht?" antwortete Angie. "Eines habe ich euch verschwiegen. In den Windelhosen, die ihr tragt, sind
       verschiedene Sensoren eingebaut, die ihre Daten permanent über Funk an einen PC übertragen, ähnlich
       wie bei der Telemetrie in der Formel 1. So werden Temperatur, Feuchtigkeitsgehalt der Haut, und die
       Herzfrequenz ständig überwacht. Kommt, ich zeige euch unsere Zentrale."

       Dabei benutzte sie zum ersten Mal das Wort 'unsere'. Wer war damit gemeint? Gibt es noch andere
       Personen außer Angie, die in diesem Haus ihr Unwesen trieben. Sheila und Cora konnte man ja nicht
       mitrechnen. Die waren ja nur Assistentinnen.

       Wir gingen in einen Nebenraum. Ich traute meinen Augen nicht. Der Raum war vollgestopft mit
       Elektronik vom Feinsten und verschieden PCs. Wer betreute denn das alles bloß? Angie bestimmt nicht,
       die hatte ein Wollgeschäft in der Stadt. Vielleicht ihr Mann Peter, denn der war Elektroingenieur.

       "Kommt mal her", bat uns Angie. "Sie ging an einen PC und klickte mit der Maus auf einen Button.
       "Nena. Hier siehst du die Kurve deines Wohlbefindens seit du die Elektronikhose trägst. Sehr schön zu
       erkennen ist, wie aufgeregt du warst, als du erfahren hast, daß du bis mindestens Montag in deinem
       Warmanzug gefangen bist. Dein Mann hat das schon ein bißchen eher mit Fassung getragen. Und hier
       könnt ihr genau sehen, wie ruhig und gut ihr geschlafen habt."

       "Damit aber nicht genug", fuhr sie fort. "Auch eure Kopfmasken sind nicht ohne. Denn dort sind
       Sensoren für Gehirnströme und Atmungstätigkeit angebracht. Ihr seht also, was das körperliche
       Befinden angeht, seid ihr jederzeit total überwacht. Sollte einer der Werte unter oder über eine kritische
       Marke rutschen, werde ich vom PC über mein kleines Kästchen, das ich immer, wenn ich Besuch habe,
       bei mir trage, sofort alarmiert und kann entsprechende Maßnahmen einleiten. Diese Anlage hat übrigens
       mein Mann Peter erfunden und gebaut. Er sollte sie sich vielleicht mal patentieren lassen."

       Einerseits gefiel es uns nicht unbedingt, daß Big Brother ständig hinter uns her ist, andererseits war es
       ein sehr beruhigendes Gefühl der Geborgenheit, das uns überkam.

       Angie fragte uns, ob wir noch was trinken möchten oder ob wir genug hätten. Denn es würde jetzt Zeit
       werden, daß wir wieder trockene Kleider an den Leib bekämen. Da wir momentan genug hatten, ging
       Angie mit uns wieder in den Keller. Ich fragte mich schon, ob sie vielleicht doch die Schlüssel zu
       unseren warmen Wollanzügen hat, damit wir die nassen Sachen ausziehen konnten. Ich sollte eines
       anderen belehrt werden.
Angie öffnete eine Tür und ging hinein. Wir folgten ihr. In dem Raum stand ein etwa zwei Meter hoher
       Zylinder mit etwa gleichem Durchmesser. "Das ist mein Trockenzimmer", sagte Angie. "Bitte zieht jetzt
       alles aus, was auszuziehen ist." Wir entledigten uns unserer Kniestrümpfe, der Legging und des
       Pullovers. Angie faßte an Nenas wollenen Warmanzug und sagte daß er wirklich ganz schön naß sei. Ich
       hatte auch schon gemerkt, daß die zwei Schichten, die wir zur Zeit trugen, ganz schön schwer waren.

       Angie öffnete eine Tür an dem Zylinder, der im Raum stand und bat uns hineinzugehen. Der Boden war
       mit einem Wollteppich ausgelegt, das obere Ende war mit einem Gitter verschlossen. Die Wände des
       Zylinders waren mit Lüftern, wie sie in PCs gebräuchlich sind, von unten bis oben übersät. Ich
       überschlug und kam zu dem Ergebnis, daß da mindestens 250 Lüfter eingebaut sein mußten.

       Angie öffnete die Schlösser und die Reißverschlüsse an unseren Ohren und setzte uns Ohrenstopfen ein.
       Dann verschloß sie wieder alles sorgfältig und sagte uns noch etwas. Wir verstanden sie aber nicht, so
       gut dichteten die Ohrenstopfen unsere Ohren ab. Sie verließ den Zylinder und schloß ab.

       So standen wir da und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Platz zum Bewegen war genug, man
       hätte sogar ein kleines Tänzchen wagen können. Bald kam Wind auf, die Lüfter begannen sich zu
       drehen. Ich spürte durch meine Augenlöcher, daß der Wind recht kühl war. Dies sollte aber nicht lange
       so bleiben. Bald blies uns eine herbe warme Brise, wie man sie vom Mittelmeer her kennt, in unsere
       Kopfmasken. Es war erstaunlich ruhig. Die Ohrenstopfen waren sehr gut.

       Etwa eine halbe Stunde durfte vergangen sein, als ich spürte, wie sich meine Wollanzüge immer fester
       um meinen Körper schmiegten. Auch Nenas Figur kam immer besser zum Vorschein. Sie sah wirklich
       absolut bezaubernd aus, in ihrem naturfarbenen Wollkombi. Das Jucken und Kratzen des Mohaircatsuits
       wurde mal schlimmer und ließ dann wieder nach. Die Wolle schrumpfte und schrumpfte. Nach einiger
       Zeit lagen die beiden Schichten Wolle absolut eng wie eine zweite Haut an unseren Körpern und
       schnürten uns ganz schön ein.

       Der Wind wurde wieder kühler, nahm aber an Heftigkeit noch zu, was ich nicht für möglich gehalten
       hätte. Ein regelrechter Orkan kam auf, der uns ganz schön durchpustete. Schon kurze Zeit später
       verspürte ich ein leichtes Frösteln auf meiner Haut und begann zu frieren. Auch Nena schien kalt zu
       haben, denn ihre Brustwarzen bohrten sich förmlich durch die Wolle.

       Dann ließ der Wind wieder nach und Angie öffnete die Tür des Zylinders. Sie nahm uns die Stopfen aus
       den Ohren und fragte uns, ob wir die Prozedur gut überstanden hätten. Da wir uns nicht unwohl fühlten,
       gaben wir ihr zu verstehen, daß alles soweit o.k. wäre. Sie hätte nur ein wenig kalt, fügte Nena noch
       hinzu. Das war anscheinend das Stichwort, auf das Angie gewartet hatte.

      
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