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Ein Erlebnisbericht von Rüdiger von Gizycki
An den Externsteinen ist die Hölle los
Sonnenwendfeier am Naturdenkmal
Die Sonnenwendfeier an den Externsteinen ist aus einer Protestdemonstration zu Neonaziaufmärschen zum selben Anlass dort, mittlerweile offenbar zur Tradition geworden. Die hatten sich nämlich zuerst dort breitgemacht und man wollte das auf keinen Fall hinnehmen. Ich hatte die Gelegenheit mich mit dem Schwager des dort zuständigen Försters anfreunden zu können und auch wunderbare Gespräche mit ihm geführt. Von ihm hatte ich die Information über den Anlass der Sonnenwendfeier gerade hier bei dem Naturdenkmal. Insofern fand ich es schon mal sehr imponierend, das sich dort ein absolut kunterbunt gemischtes Volk aller Altersklassen trifft, wenngleich der eigentliche Grund mittlerweile wohl in kollektiver Vergesslichkeit versunken ist. Erstaunlich ist es auch, daß selbst in einem Naturschutzgebiet, das Gelände ist eins, so eine Ansammlung von Menschen überhaupt geduldet wird. Jedes Jahr findet dieses lose und vor allem völlig unorganisierte Treffen statt. Es ist keine Veranstaltung im juristischen Sinne und daher hält die Gemeinde Holzhausen bei Horn-Bad Meinberg auch keine Dienste bereit. Es gibt dort eine Toilette am Eingang, die wird abends aber geschlossen. Es waren jedoch vor den Externsteinen die Polizei und drei Krankenwagen vom Roten Kreuz für alle Fälle aufgefahren. Bei Ankunft auf dem Geländeparkplatz war noch kaum war los, es ging gegen 14.00 Uhr, und ich hatte daher keine Probleme einen Parkplatz zu finden. Neben mir hatte sich ein betagteres holländisches Pärchen mit einen alten Lieferwagen postiert, der mit allerlei Masken und anderem “Zaubergerät” ausstaffiert war. Aber leider verstanden sie kein Deutsch und wollten wohl auch keinen näheren Kontakt aufnehmen. Nachdem ich erstmal die Lage sondiert hatte rückte ich auf die Wiese an den Felsen vor, wo sich schon eine erkleckliche, wenn auch noch nicht sehr große Anzahl von Menschen im Schatten eines zentralstehendes riesigen Baumes versammelt hatte. Zuerst wollte ich erstmal an den See dort gehen. Da gibt es eine Stelle in einem Felsen, so eine Nische, die ein herausgearbeitetes Loch mit menschlichem Umriss birgt. Eine sehr beleibte Dame quetschte sich da rein und verharrte versunken in der gruftähnlichen Versenkung und schloß ihre Augen. Nachdem sie eine Weile dort lag und sich dann mühsam wieder herausschälte, beklagte sie sich bei ihren drumherumstehenden Freunden und Anwesenden, daß sie gar nichts gemerkt hätte von der angeblich energetisierenden Kraft dieser Weihestätte. Worauf man ihr höflich und verständnisvoll erklärte, das diese Wirkung ja nicht unbedingt jetzt auftreten müsse, sondern erst später, sie solle sich nur weiter schön beobachten, das käme noch, bestimmt! Naja, milde lächeln musste ich jetzt doch aber. Übel genommen hat es mir keiner. Ich bin ja selbst früher als Minihippie herumgelaufen und hatte zu jenen Zeiten zumindest deren grundsätzliche Denkungsart ziemlich in mich aufgesogen. Jetzt fühlte ich mich an alte Zeiten erinnert. Aber aus dem Abstand von über 30 Jahren wurde ich das Gefühl nicht los, mich irgendwie selbst aus der Dinstanziertheit damaliger Ereignisse zu betrachten. Das alte Gefühl von früher war jedoch völlig weg, wurde aber durch das Verständnis für diese Menschen ersetzt. Ein belustigender Rückblick auf meine eigene Vergangenheit blieb natürlich nicht aus, obwohl, damals war das einem wichtig und fast heilig. Auch wir hatten damals Schellen, Bongos und Djembes zu spontanen Treffen mitgeschleppt und trommelten uns die Seele aus dem Leibe. So auch diese Angereisten hier! Und genauso wie zu damaligen Zeiten rückte jeder, der irgendwie ein spirituell besetztes Instrument besaß, damit an. Zu der sich unter dem Baum versammelten Trommelgruppe, mittlerweils waren es so an die zwanzig mindestens, gesellten sich dann Didgeridoos, eine Sitar, eine Zither und allerlei Arten von Flöten und bildeten eine Form von Selbsterfahrungsgruppe, in der versucht wurde mit dem entsprechenden Ernst in sich selbst hineinzuhorchen. Und austoben konnte man sich auch dabei. Hatten wir das früher nicht schon mal?? Immerhin hat man sich doch sehr redlich bemüht, die Instrumente im Rhythmus aufeinander abzustimmen, was wiederum nicht wenige Beteiligte, in erster Linie Frauen, zu wilden und ekstatischen Tänzen verleitete. Überhaupt wurde im weiteren Verlauf des Nachmittags und des Abends das Treiben wilder und reichlich bunter. Die gesamte Ansammlung geriet zu einem völlig abgefahrenen Happening. Jeder, der irgendwelche besondere Marotten hatte, seine spirituelle Phase im Rahmen der Selbsterkenntnis auf je seine eigene Art verwirklichte oder einfach auch nur die Qual des Alltages vergessen wollte, machte die Feier zu seiner speziellen Spielwiese. Filzhaare und Mittelalterkleidung, Rittertrachten und Blümchen im Haar, indianisches Outfit und allerlei Feuerzauber, wie sich drehende und in Schwingungen versetzte Flammen an Seilen und Stöcken und natürlich die Feuerschlucker durften nicht fehlen. Auch wild geschminkte Gestalten mit Blumenkranz im Haar waren zu bewundern und alles gelegentlich durchwabert von duftigen Weihrauch- und streckenweise von würzigen Marihuanaschwaden. Alle hatten sich ganz furchtbar lieb und tranken und soffen wie nichts Gutes. Bei Ankunft bin ich dann auch gleich spontan sowie unaufgefordert und ohne mit der Wimper zu zucken mit Küsschen begrüßt worden. Gekannt habe ich die junge Frau nicht, aber die war so drauf. Der konnte sich keiner entziehen, die wurden alle so beglückt und waren hingerissen. Im Zuge des allgemeinen Besäufnisses und anderen Räuschen, manche waren allerdings auch stocknüchtern wie ich, stieg die Stimmung. Schemengleich erschien dann eine skurrile Performance, die in Zeitlupentempo vor den Felsen aufzog. Eine Erdkugel auf einer rollenden Plattform wurde gezogen von einem Wesen, welches in einer Art weißen Spinnwebkleidung steckte und mit überlangen weißen Filzhaaren und schwarz-weiß geschminkten Gesicht in unheimlicher Manier auf den drohenden ökologischen Untergang der Welt aufmerksam machte. Als Begleitung schwebten in luftiger Höhe gleich aufgemachte Phantasiewesen auf weiß verkleideten Stelzen mit dramatisch aussehenden Verrenkungen hinterher und von einer in einem kleinen Wagen mitgeführten Musikanlage wurde die Szenerie in gruselig anmutende Sphärenmusik eingehüllt. Klar, das war Aufsehen erregend und wurde selbstverständlich entsprechend bejubelt und fotografiert. Es gab aber doch einige, die irgendwie irritiert guckten und sich seltsam berührt fühlten. Mittlerweile wurden das Lustgeschrei am Feuer und die Tänze drumherum, welche sich mitsamt der Trommelgruppe auf das Zentrum der Wiese verlagerte ekstatischer, die Trommeln wilder und lauter, die Schellen und Rasseln heftiger und die Tänzer immer mehr. Auch Wein und Bier flossen reichlicher. Der Feuerschein beleuchte die Szene und tauchte sie in flackerndes Licht. Und im Hintergrund dräuten die Felsen gen Himmel. Eine Kulisse und ein Spektakel, als wäre ich auf einem anderen Stern, wirklich. Einige hatten ihre Kinder mitgebracht und ihre Hunde. Die Kinder versanken dann irgendwann in Schlaf; das war ihnen dann doch irgendwie zuviel, aber immerhin hatten sie lange ausgehalten. Und die Hunde wurden verrückt vom vielen Gehopse und Getrommel und natürlich von der Lautstärke. Das Ganze ging dann so bis tief in die Nacht. Walpurgisnacht? Sonnenwendfeier? Oder was? Ganz allmählich, so gegen Drei verebbten die Trommeln, das Bier und der Wein wurde immer weniger und die Müdigkeit legte sich bleiern auf die Häupter und trieb viele stumpf in die Horizontale. Das Feuer wurde dunkler und in diesem Dämmerschein waren dann malerisch auf der Wiese zwischen den vielen Zelten, die für die Zeit dort aufgestellt werden durften, die Schnaps-, und vor allem Bier- und Weinleichen drapiert. Manche hatten sich dann irgendwie auf dem Boden gehauen, nur mit Isomatte bewaffnet und mit einer Decke. Der harte Kern, den es ja immer gibt, hat es dann doch tatsächlich, allerdings mit erheblich vermindertem Elan, bis in die Morgenstunden geschafft, sich an den qualmenden Resten des Lagerfeuers mit mittlerweile abgestandem Wein und Bier aufrecht zu erhalten. Das langsam aufsteigende Licht des frühen Morgens erhellte die Folgen einer orgiastischen Nacht. Überall lag Müll, leere Flaschen und was man sonst noch so an Essenresten übrig hatte. Zwischen diesem Arrangement des vergangenen Gelages immerhin und lobenswert einige Unermüdliche mit schlechtem Gewissen, die sich aufmachten und brav Müll aufklaubten und zusammentrugen. Im Hintergrund eine hübsch anzusehende Kulisse mit jungen Frauen, die sich ihrer Kleidung entledigten und im See an der Felsengruppe badeten und sich erfrischten. Sie entstiegen nixengleich und nackt dem spiegelndem See und strebten opernhaft einem Arrangement im Halbkreis aufgestellten loderndend Fackeln zu. Dann entschwanden sie meinen Blicken. Schade! Alles in allem muss ich sagen, war die Sonnenwendfeier eigentlich gar keine. Es war eine jährlich auftretende Eruption und Konvulsion aufgestauter Gefühle und ein grandioses Happening, bei dem sich jeder, und sei es noch so skurril, ausleben und seine diversen Macken und Marotten, ohne das jemand mit dem Finger auf sie zeigt, pflegen konnte und durfte. Spirituelle Versenkung, religiöse Meditation oder gar Besinnung auf das wesentliche einer Sonnenwendfeier? Ich kann das eigentlich so gar nicht richtig beurteilen, ich denke eher nein – aber, wer weiß schon, was da in den Köpfen so vor sich ging? Als Thema war dieses Ereignis in den Gesprächen jedenfalls nicht vorgesehen.
Ich werde nächstes Jahr wohl wieder hinfahren – und warum? Ganz einfach: um mal wieder so richtig darüber staunen zu können!
Rüdiger von Gizycki Religionsgemeinschaft Deutscher Unitarier.e.V.
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